Deutsche Offizielle bei Olympia – Melanie Symalla

AUTHOR: SSN Monday, February 14, 2022 TOPIC: Eisschnelllauf

Heute ist wieder Pausentag bei den olympischen Eisschnelllaufwettbewerben in Peking. Nachdem wir vor kurzem den Starter Roland Steenbeck vorgestellt haben, nutzen wir nun die Gelegenheit die zweite deutsche Vertreterin bei den Offiziellen vorzustellen.

Viele kennen Melli, wie sie von den Meisten genannt wird als Schiedsrichterin aus Berlin, aber auch von verschiedensten internationalen Großveranstaltungen.

Kannst Du Dich bitte selber einmal kurz vorstellen?

Hallo, mein Name ist Melanie Symalla bzw. eher bekannt unter „Melli“. Ich bin 42 Jahre alt und wohne zusammen mit meiner besseren Hälfte und zwei Katzen in Berlin. Ende Januar ging es für mich zu den olympischen Spielen nach Peking und ich bin hier als Sportexpertin eingesetzt

Für Dich sind es nach Pyeongchang die zweiten olympischen Spiele. Was ist hier anders als in Korea?

Durch die Covid-Pandemie sind die Umstände schon ganz andere. Wir befinden uns hier in einer Blase und haben keinen Kontakt zur Bevölkerung in China. Was allerdings nicht heisst, dass wir hier niemanden kennenlernen. Die Kampfrichter und Volunteers sind unglaublich freundlich und haben jederzeit für uns ein offenes Ohr. Jeden Morgen geht es vor dem Frühstück erstmal zum PCR Test (man gewöhnt da nicht dran) und später fahren wir mit dem Shuttlebus in die Eishalle. Da meine Aufgabe dieselbe wie in Korea ist, wusste ich was mich erwartet und die Aufregung vor dem Unbekannten war nicht ganz so groß. Es hat mich auch total gefreut, viele bekannte Gesichter wiederzusehen und vor allem, dass diese mich auch wiedererkannt haben (obwohl wir uns 4 Jahre lang nicht gesehen haben)

Die meisten Trainer kennen Dich als Schiedsrichterin. Hier bist Du jedoch als „Sportexpertin“. Was ist das und wofür bist Du verantwortlich?

Vereinfach gesagt – ich kontrolliere die Qualifikationszeiten der Sportler, was ohne die Datenbank von SpeedSkatingNews aber überhaupt nicht möglich wäre, und erstelle Listen mit denen die Schiedsrichter dann die Auslosung durchführen. Sollte es zu, z.B. krankheitsbedingten, Abmeldungen von Sportlern kommen, prüfe ich, wer anstelle dieses Sportlers laufen darf und nehme Kontakt mit dem Teamleader auf. Es ist also unheimlich viel Papierarbeit.

Das klingt jetzt alles nicht so spannend und sehr trocken – die Aufgabe ist schon recht speziell und man muss das mögen. Aber mir macht das wirklich Spaß – Zeiten kontrollieren, Tabellen erstellen usw. – und ich habe dann auch genug Zeit die Rennen anzuschauen.

Was würdest Du jungen Menschen empfehlen, die auch einmal als Offizieller zu Olympia wollen?

Geduld und Ausdauer. So wie ein Sportler nach 3 Runden auf dem Eis nicht gleich zu Olympia fährt, so klappt das bei einem Kampfrichter auch nicht. Wichtig sind Sprachkenntnisse, in jedem Fall Englisch, Regelkunde und vor allem jede Menge Erfahrung. Versucht von Anfang an so viele Wettkämpfe mitzumachen, wie möglich. Mit einem Wettkampf im Monat kommt man nicht weit. Nehmt Schulungsangebote wahr oder fahrt auch mal an andere Bahnen. Es ist immer leichter erstmal im eigenen Land an anderen Bahnen zu helfen als auch gleich noch in einer anderen Sprache unterwegs zu sein. Sucht euch jemanden als Ansprechpartner oder „Ausbilder“ – hier muss aber auf jeden Fall die Chemie stimmen.

Man muss übrigens keine Wurzeln beim Eisschnelllauf haben. Einer unser Berliner Schiedsrichter, der auch bei Weltcups und Weltmeisterschaften usw. im Einsatz ist, stand nie selbst auf Schlittschuhen und wurde von einem Freund zum Wettkampfgericht gebracht.

Wie bist Du zum Eisschnelllauf gekommen?

Eislaufen wurde in der zweiten oder dritten Klasse als Schul-AG angeboten. Dort habe ich mich scheinbar nicht ganz untalentiert angestellt und durfte dann in den Vereinssport wechseln. Aufgrund der ganzen Veränderungen Anfang der 1990iger Jahre habe ich es sogar auf die Sportschule geschafft und bin dem Sport bis zu den B-Junioren treu geblieben. Nach einem wirklich schlechten Wettkampf traf ich spontan die Entscheidung, dass nun Schluss mit dem Leistungssport ist und ab dem Wochenende darauf habe ich beim Wettkampfgericht geholfen. Wirklich los lassen konnte ich also vom Eisschnelllauf seit meiner Grundschulzeit nicht mehr.

Wie wird man eigentlich Schiedsrichter beim Eisschnelllauf? Konkret: wie war Dein Weg?

Es gibt bei uns nicht DEN einen Weg um Schiedsrichter zu werden. Als ich 1997 ins Wettkampfgericht gewechselt bin, habe ich erstmal ganz “klein” angefangen. Wir konnten uns damals noch den Luxus erlauben, Kampfrichter (meist ehemalige Sportler) den ganzen Wettkampf als “Klötzchenleger” aufs Eis zu stellen. Das ist heute aufgrund der wenigen Helfer undenkbar. Aber so begann es bei mir – Klötzchen legen, dann Armbinden verteilen, Handzeitnahme usw. Ich habe außer Starter nach und nach alles mal probiert. Nicht jede Aufgabe lag mir – vom Zielrichter-Dasein wurde ich nach 30 Minuten erlöst und musste es auch nie wieder machen (lacht).

Abstände schätzen liegt mir überhaupt nicht. Und auch wenn ich immer eher sehr ruhig und vor allem sehr schüchtern war (was man heute kaum noch glaubt), war Verantwortung zu übernehmen und das Sagen haben schon immer irgendwie mein Ding. Ich hatte wirkliches Glück, dass mich der Obmann an der Bahn in Berlin (erst Joe Weigel und später Kurt Ney) von Anfang an sehr unterstützt hat. Bei Kurt bin ich dann als Schiedsrichter-Assistent mitgelaufen und er hat mir sein Wissen weitergegeben. Das ist aus meiner Sicht auf immer noch der beste Weg. Alles mal probieren, damit man weiß wovon man spricht und Learning-by-doing. Die Regeln kann man lesen und ggf. auch auswendig lernen, aber das wirklich anwenden und sich auch trauen eine Entscheidung zu treffen, das bringt nachher der Wettkampf und vor allem ganz viel Erfahrung.

Was wünscht Du Dir für die Kampfrichter in Deutschland?

Wir haben immer mehr Probleme Nachwuchs für die Kampfrichter zu gewinnen und hier vor allem für die Aufgaben mit mehr Verantwortung. Das ist sicherlich ein allgemein gesellschaftliches Problem, aber es hängt auch damit zusammen, dass wir nicht sonderlich sichtbar sind und auch keine Aufmerksamkeit im Verband [Anm.d.Red. Verband = DESG] genießen. Hier muss sich dringend etwas ändern, so dass wir auch in den nächsten Jahren noch regelmäßig Wettkämpfe an allen Bahnen anbieten können.

Leider verliefen bisher alle Ideen und Gespräche im Sande. Es wurde zugehört und vielleicht sogar das Problem erkannt, aber geändert hat sich leider nichts. Vermutlich müssen wir erst in ernsthafte Probleme geraten, bevor sich an der Haltung gegenüber bzw. an der Stellung des Kampfrichterwesen etwas verändert. Es gibt an allen Bahnen einige Personen, die sich über das normale Maß und das muss auch mal gesagt werden, unbezahlt engagieren. Nur was passiert, wenn diese irgendwann nicht mehr wollen oder können…

Vielen Dank für das Gespräch und noch viel Erfolg bei den kommenden Wettkämpfen