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Marco Weber – “Ich bin auch nur ein Mensch”

Autor: SSN Dienstag, November 9th, 2010 Nicht kommentiert Unter: Eisschnelllauf

Am zweiten Tag der Deutschen Meisterschaften hatte SpeedSkatingNews.info die Gelegenheit mit dem neuen und alten Deutschen Meister über 5.000m und 10.000m, Marco Weber, ein ausführliches Interview zu führen. Er berichtet über die vergangene Saison und seine neuen Pläne.

Marco, bei Olympia gab es von Dir die Kampfansage beim 10.000m Lauf anzugreifen und dass Du mindestens Platz 6 erreichen wolltest. Letztendlich ist es mit Glück Platz 10 geworden. Wie hast Du das inzwischen verarbeitet? Was ist schief gelaufen?

Es war so, dass bei Olympia eigentlich viel schief gegangen ist. Schon in der Vorbereitung war das Training so aufgebaut, dass ich zu einigen Zeitpunkten auf eine Teamstärke gesetzt hatte, die aus verschiedenen Gründen dann einfach nicht mehr da war. Wir hatten Probleme bekommen das Team für Olympia (Team Pursuit) zu nominieren, wodurch sehr viel Unruhe rein kam. Und dann traten einfach so viel Schwierigkeiten auf gemeinsam zu trainieren, da die einen gesagt hatten: „Ok, ich bin nicht für Olympia nominiert, warum soll ich jetzt noch weiter trainieren“ was durchaus verständlich ist. Auf der anderen Seite waren dort viele Streitereien, die einfach nicht hätten seien müssen und das hat mich viel Kraft gekostet, weil ich mich immer wieder zur Wehr setzen musste.

Ich hatte mein Ziel immer klar vor Augen und habe von Anfang an gesagt, dass Olympia mein Ziel ist und ich dort gute Ergebnisse erreichen möchte. Wir haben Fehler gemacht im Training, das gebe ich zu. Ich habe selber Fehler gemacht, weil ich mich dem hohen Ziel komplett untergeordnet habe. Hinzu kam dann noch, dass ich nach Vancouver mit einem fiebrigen Infekt angereist bin. Ich habe die ersten Tage gar nicht trainiert. Es ging soweit, dass der Arzt vom DOSB gesagt hat, ich hätte vor den 5.000m Antibiotika nehmen sollen. Doch so hätte ich die 5.000m gar nicht laufen dürfen.

Ich habe mich dann gegen das Antibiotika entschieden, weil ich den Lauf unbedingt machen wollte. Schon beim Vorbereitungswettkampf in Vancouver konnte ich nicht starten, da ich nicht trainieren konnte und davon habe ich mich nicht mehr erholt. Ich hatte so hohe Entzündungswerte zu diesem Zeitpunkt und auch vor den 10.000m und kam nicht mehr zur Ruhe und konnte keine normale Vorbereitung machen.

Im Training ging es dann zwar ganz gut, aber der Lauf an sich war schlecht, die Vorbereitung war schlecht und da muss ich einfach sagen: es hat einfach nicht zusammen gepasst.

DESGphoto Marco Weber DESGphoto / L. Hagen

Hast Du es jetzt verkraftet, so dass Du sagst Olympia ist komplett für mich abgeschlossen, das Thema lasse ich hinter mir, oder ist es immer noch etwas, woran Du denkst und Dich ärgerst? Oder sagst Du Dir: ich schau jetzt nach vorne und habe neue Ziele?

Ich freue mich mittlerweile, dass ich Olympia gesehen habe. Also – ich bin einer der wenigen Sportler, die überhaupt bei Olympia waren! Das muss man ja auch so sehen – das kommt nicht vielen Menschen zu.

Es war für mich immer ein großes Ziel ein Olympionike zu sein. Das habe ich jetzt geschafft! Ich war Zehnter! Das steht so in den Ergebnislisten. Da kann auch keiner was daran rütteln, egal wie das zu Stande gekommen ist. Das ist für mich ein Erfolg gewesen und das ist auch ein Stück weit Entschädigung für die Arbeit, die ich in den ganzen Jahren gehabt habe und auch eine Entschädigung für die Leute, die mit mir gearbeitet haben. Vor allem aber auch für meine Familie, die viel entbehren musste. Deswegen sage ich jetzt, dass es eine ganz wichtige Erfahrung in meinem Leben war – und es ist auch ein positiver Punkt in meinem Leben, weil ich mich dadurch auch weiter entwickelt habe.

Wie geht es jetzt weiter? Du macht zum einen Deine Trainerausbildung, bist aber auch erst zum 6. Male und zum 4. in Folge Deutscher Meister geworden. Ist Sotschi für Dich ein Thema?

Also in erste Linie bin ich bei der Bundespolizei angestellt, so dass die Trainerausbildung und die Trainerlaufbahn für mich ein zweites Standbein sind. Das ist keine Priorität, die ich in meinem Leben jetzt setze, da ich Familie habe und schauen muss auch ein bisschen Geld zu verdienen. Das hat für mich erst einmal Priorität.

Was jetzt in den nächsten Jahren passiert, muss ich mir ganz in Ruhe überlegen. Ich habe nach Olympia gesagt, wenn ich das Ganze noch einmal angehe, dann mache ich bis Sotschi. Es sind da aber ein paar Entscheidungen getroffen worden, hinter denen ich nicht so ganz stehe und so muss ich jetzt erst einmal sehen. Ich mache das Jahr zu Ende, dann werden die Karten wieder auf den Tisch gelegt und es wird entschieden, ob ich noch ein Jahr oder bis nach Sotschi weitergehe oder ob ich aufhöre.

Du hast Dich also noch nicht entschieden und wir können zumindest hoffen Dich auch in Sotschi auf dem Eis zu sehen…

Ich bereite mich erst einmal auf Inzell vor. Ich hätte eigentlich nach dem Sommereis schon meine Schlittschuhe bei Seite gelegt. Aber es war meine Familie und ein sehr guter Trainer und Freund, die mich am Eis gehalten haben und jetzt haben wir gesagt, wir machen weiter bis Inzell, da es für mich auch eine Zeitspanne ist, die ich überblicken kann.

Danach müssen neue Gespräche geführt werden. Viele Entscheidungen sind erst sehr spät getroffen worden um darauf zu reagieren und es war dann auch zu spät alternative Wege einzuschlagen. Ich habe jetzt darauf reagiert und Inzell ist ein überschaubarer Rahmen. Ich möchte in Inzell sehr gute 10.000m laufen und dann werden wir mal sehen, was danach kommt.

DESGphoto Marco Weber DESGphoto / L. Hagen

Du hast gerade einen „Trainer und sehr guten Freund“ angesprochen – ich denke, Du meintest Jan Coopmanns, der nach Grefrath zurückgegangen ist? Beim wem trainierst Du jetzt?

Jan Coopmanns hat in meiner sportlichen Laufbahn immer eine sehr große Rolle gespielt. Von ihm habe ich sehr viel gelernt und es ist für mich eine sehr große Enttäuschung, dass ich nicht mit ihm weiter arbeiten durfte. Momentan ist es so, dass ich keinen Heimtrainer habe. Dass heißt, ich trainiere in Eigenverantwortung unter dem Rahmentrainingsplan des Bundestrainers und werde aber zur Zeit von sehr vielen Leuten unterstützt.

In der letzten Phase habe ich sehr gut mit André Unterdörfel und den Männern in Berlin trainiert, worüber ich auch sehr dankbar bin, da André einen guten Job macht und es einfach Spaß gemacht hat.

Nach Deiner persönlichen Bestzeit über die 3.000m in Berlin hattest Du Dich bei dem Berliner Trainer Uwe Hüttenrauch überschwänglich für sein Coaching bedankt. Welches Verhältnis hast Du zu “Hütte”?

Ich finde, er ist einer der wenigen, die immer offen und ehrlich ihre Meinung sagen und ich habe seit vielen Jahre ein sehr respektvolles Verhältnis zu ihm. Wir können uns gut unterhalten.

Ich kenne ihn schon aus Juniorenzeiten und er hat mich spontan gefragt, ob er mich coachen darf. Ich mag das, wenn ein Trainer auf der Eisbahn den Lauf mitgestaltet und er macht eine sehr gute Arbeit in Berlin. Das freut mich so etwas zu sehen. Er ist engagiert und solche Leute bräuchten wir eigentlich mehr in der DESG.

Du bist bei der Bundespolizei angestellt und sagtest, dass die Trainerausbildung ein zweites Standbein für Dich sei. Wäre also ein Trainerjob innerhalb der DESG etwas für Dich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden?

Es war für mich immer ein Traum im Sport weiter zu machen. Ich habe mittlerweile, mit meinen 28 Jahren, soviel Erfahrung gesammelt, weil ich auch von den Älteren gelernt habe. Ich habe gesehen, wie Gunda trainiert hat und habe mit vielen Großen im deutschen Eisschnelllauf, z.B. Klaus Ebert und Frank Dittrich, zusammengearbeitet und habe da einen Erfahrungsschatz gesammelt, den ich auch gerne weitergeben würde. Aber dafür müssen ein paar Rahmenbedingungen stimmen.

zum Beispiel…

Es muss zuerst einmal einen Sinn haben, dass man frei arbeiten kann, dass man seine Ideen rüberbringen kann. Ich bin ein Verfechter des modernen Eisschnelllaufens, dass heißt des holländischen oder amerikanischen Systems, mit dem ich gute Erfahrungen gemacht habe.

Eine Rahmenbedingung wäre dieses System wirklich umzusetzen und die Erfahrungen in das Juniorenalter rein zu bringen, dass man viel mehr Wert auf die technische Ausbildung legt. Da man sagt, wir wollen erst einmal richtig Schlittschuhlaufen lernen und gehen dann erst später in die Wettkämpfe. Auch auf die Gefahr hin, dass man im jüngeren Alter vielleicht nicht ganz so erfolgreich ist – aber so erst einmal die Grundbausteine setzt. Das ist eine Sache, die ich sehr gerne weiterbringen möchte.

Aber dafür braucht man Ruhe und das ist im deutschen System nicht so ganz gewollt. Man muss immer schauen, dass man Kaderzahlen und Normzeiten erreicht, weil daran die Förderung und die Stützpunkte hängen. Es ist dann natürlich nicht ganz so einfach das System zu durchbrechen und mal zu sagen: „uns ist das Ganze Fördersystem egal, wir bauen jetzt Leute langfristig auf“, weil man dann mit dem jetzigen System untergeht.

Aber das wäre eine Aufgabe, die mich reizen würde. Da muss man sehen, wie es sich jetzt entwickelt. Momentan bin ich Sportler und das ist meine Hauptaufgabe!

Im Medienseminar, wo Du leider nicht da warst…

Nicht eingeladen warst. So kann man das ruhig sagen.

…nicht eingeladen warst, gab es von Kollegen die Frage nach den neuen Regeln. Es wurde im Vorfeld ja viel darüber diskutiert und polemisiert. Wie stehst Du dem Ganzen gegenüber?

Ich bin Gott sei Dank ein Läufer, der durch seinen Laufstil und seine Körpergröße in seinen Voraussetzungen nicht ganz so abhängig von viel Spielraum auf der Geraden ist.

In den letzten Jahren hat sich eine Technik eingeschliffen, wo man durch Verlagern des Körpergewichts auf der Geraden Geschwindigkeit macht. Dadurch braucht man einen gewissen Raum nach Links und Rechts und für große Läufer wie Enrico Fabris und Sven Kramer, die durch ihre Beinlänge schon immer sehr weite Wege gehen und das aber schnell erfolgt, sehe ich in dieser Regel einen großen Nachteil. Ich finde es einfach unfair, da es eine Regel ist, die für uns Sportler einfach nicht verständlich ist, die von außen hineingetragen wurde, um Dinge zu verändern ohne eine logische Erklärung. Oder sie wurde noch nicht gegeben.

Ich bin froh, dass sich die breite Masse so dagegen stellt um auch mal zu zeigen: „So ISU ihr seid nicht die hier auf dem Eis stehen, sondern es sind immer noch die Sportler“. Es war in den letzten Jahren immer so, dass der Sport etwas hinten anstand in Punkten wie Regeländerungen oder Terminabläufen.

DESGphoto Patrick Beckert DESGphoto / L. Hagen

Gehen wir gedanklich noch mal zu Deinen 5.000m bei den Deutschen Meisterschaften. Es war ein denkbar knappes Rennen gegen Patrick Beckert, dass erst auf den letzten drei Runden entschieden wurde. Wie siehst Du diesen Lauf und wie stehst Du zu Patrick?

Patrick ist endlich einmal wieder ein junger Mann, der nach oben angreift. Der auch wirklich Paroli bieten kann und der uns „Alte“ – was ich jetzt wirklich sagen muss, mit 28 bin ich hier eigentlich einer der Älteren, dass was vor ein paar Jahren noch die Mittdreißiger waren – aber da wird von unten heraus jetzt endlich einmal gedrückt und das finde ich ganz gut. Er bringt gute Zeiten und hat eine gute Entwicklung. Er hat sicherlich auch noch seine Schwächen, aber grundsätzlich finde ich den Konkurrenzkampf gut.

Man weiss von Dir, dass Du eine Abneigung gegen private Fragen hast (Marco lacht), dennoch der Versuch: Du bist jetzt zweifacher Vater, bist verheiratet und Deine Frau lebt in Chemnitz. Du bist im Sommer und Winter ständig unterwegs. Wie bringst Du und Deine Familie dies alles unter einen Hut?

Ja, da kann ich mich eigentlich einfach nur bei meiner Frau bedanken, dass sie das alles so mitmacht. Sie hat mich zwar als Leistungssportler kennen gelernt, aber dass sie mir so den Rücken stärkt, und dass das mit unseren Kindern auch so gut funktioniert, ist für mich einfach bewundernswert. Das ist für mich 1000x höher einzuschätzen als jede Bestzeit oder jeder andere Erfolg.

Aber natürlich ist es schwierig. Meine große Tochter wird älter und stellt Fragen wie „Warum fährst Du schon wieder weg, Papa?“. Das geht einem an die Nieren und jetzt schon los und dieser Situation wollte ich eigentlich immer aus dem Weg gehen. Aber ich habe auch Freiheiten, die ich im Berufsleben vielleicht so nicht habe. Als Leistungssportler kann ich mir die Zeit so einteilen, dass ich sage ich trainiere jetzt mal zu Hause.

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich auch selbstständig trainieren kann, wo ich soviel Erfahrung habe, dass mir nicht unbedingt immer ein Trainer zur Seite stehen muss. Aber so funktioniert das dann.

Im Winter ist es ganz einfach so – das ich am Tag-X die Wettkämpfe laufe – aber danach wieder zu Hause bin. Und dann bin ich wirklich zu Hause! Schlimmer ist es dann, wenn Trainingsphasen von 2-3 Wochen in Frankreich oder demnächst Südafrika kommen. Das geht dann schon an die Nieren. Aber Gott sei Dank gibt es mittlerweile Medien, wie die Videotelefonie, die das Ganze etwas erleichtern.

Kommt Deine Familie auch einmal mit an die Bahn?

Letztes Jahr waren sie mit bei den Deutschen Meisterschaften und auch beim Weltcup, wo meine Tochter angefeuert hat (Anm. d. Red. Marco strahlt über das ganze Gesicht). Das ist dann auch schön! Aber ich lege da nicht so viel Wert darauf, dass sie zu einer Deutschen Meisterschaft kommen, sondern dann eher zu einem Weltcup oder einer WM, da das die Dinge sind, für die ich arbeite. Aber ich lege mehr Wert darauf zu wissen, dass zu Hause alles in Ordnung ist, denn dann kann ich auch beruhigt meine Wettkämpfe laufen.

Als “alter Hase” hast Du schon viele Interviews gegeben. Was würdest Du denn aber gerne einmal gefragt werden, was Du noch nie gefragt wurdest und was würdest Du dann darauf antworten?

Das ist eine sehr interessante Frage! Zu manchen Zeitpunkten im letzten Jahr hätte ich mir gewünscht gefragt zu werden, wie ich mir das System so vorstelle in den nächsten vier Jahren. Dazu hätte ich auch 1-2 Gedanken gehabt. Aber das ist ein schwieriges Thema…

Manchmal ist der Umgang mit den Medien nicht so ganz einfach. Wenn man nach dem Lauf selber fertig ist und es vielleicht nicht so gegangen ist, wie man es sich vorgestellt hatte und dann kommt die erste Frage: „Warum ging es denn heute nicht?“. Dann denke ich mir manchmal: „Leute – ich bin auch nur ein Mensch“ und ich muss das selber erst einmal verarbeiten. Aber ich weiß auch, dass es schwierig ist, immer die richtigen Fragen zu stellen.

Manchmal wäre es auch die Frage: „Wie fandest Du denn den Lauf heute?“ ohne durch die Frage schon irgendeine Bewertung abzugeben.

Vielen Dank Marco! Und wir wünschen Dir für die kommense Saison viel Erfolg!

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