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Jenny Wolf – “Ich will wieder die Beste sein” – Teil II

Autor: SSN Saturday, November 13th, 2010 Nicht kommentiert Unter: Eisschnelllauf
DESGphoto Jenny Wolf DESGphoto / L. Hagen

Im zweiten Teil des Interviews mit Jenny Wolf erfahren die Leser noch etwas mehr aus ihrem Leben und über mögliche Pläne für die Zukunft:

Du hast in den vergangenen Jahren dominiert wie kaum eine Andere. Dennoch war in der Presse fast immer nur von Friesinger, Pechstein und Anschütz-Thoms zu lesen. Diese haben nun ihre Karriere beendet oder dürfen noch nicht wieder starten und Du stehst de facto fast allein im Fokus des Medieninteresses als die zur Zeit erfolgreichste deutsche Eisschnellläuferin. Wie gehst Du mit dieser Rolle um?

Nun ja, das Medieninteresse war ja schon immer recht groß, gerade im Vorfeld von Olympia. Als Goldfavoritin habe ich das gespürt, dass ich mich nicht mehr verstecken konnte, auch nicht hinter Anni, die ja leider nicht mehr die Leistung bringen konnte. Aber dann wurde mir wirklich bewusst: “Mensch, jetzt bin ich wirklich diejenige, die die DESG auch nach außen vertritt”. Zum Glück war da auch noch Stephi, die jetzt auch wieder in guter Form ist und mir hoffentlich zur Seite stehen wird. Aber es ist schon etwas anderes, wenn man weiss, Fernsehsender kommen weil sie sehen wollen wie Jenny Wolf gewinnt und nicht schauen: was machen Anni oder Claudia. Aber das hat mich eigentlich nur einen kurzen Moment beschäftigt. Letztendlich laufe ich für mich selber und freue mich natürlich, wenn ich dann auch im Fernsehen bin und meine Familie mich sehen kann. Aber ich kann nur so schnell laufen wie es geht und von daher lohnt es sich nicht den Kopf zu sehr zu zerbrechen.

Du trainierst ja seit vielen Jahren schon bei Thomas Schubert, bist aber eigentlich von Uwe Hüttenrauch entdeckt worden bzw. hat er dafür gesorgt, dass Du die Möglichkeit hattest so lange zu trainieren, da Du ja schon aufgegeben worden bist. Welches Verhältnis hast Du zu den beiden bzw. welche Rolle spielen diese beiden für Dich heute?

Hütte ist schon einer, über den ich sagen muss, wenn er nicht gewesen wäre, dann würde meine Karriere sicherlich ganz anders aussehen. Er erzählt ja auch immer ganz stolz davon, wie wir gemeinsam gesagt haben “Ja, jetzt laufen wir nur noch 500m” und dann lief es auf einmal richtig gut. Es ist vielleicht etwas komisch, wenn man es an einer Person festmacht, aber ich denke nicht, dass ich ohne Hütte so weit gekommen wäre.

DESGphoto Thomas Schubert DESGphoto / L. Hagen

Dann kam der Herr Schubert, vor dem ich damals so große Angst hatte (lacht) und da war klar, dass ich ein Talent bin. Über 100m war ich schon super schnell. Er wusste was mit mir anzufangen und hat auch eine Perspektive gesehen. Am Anfang musste man aber schon etwas warm werden um miteinander klar zu kommen, aber das funktioniert ja jetzt hervorragend. Ich kann mir nun auch nicht mehr vorstellen mit einem neuen Trainer so zu diskutieren, dass ich die Sachen so machen kann, wie ich sie jetzt mache. Das hat lange gedauert. Aber der Erfolg gibt uns Recht und da werden wir auch weiterhin ein gutes Team sein.

Mal eine weniger sportliche Frage: beim Medienseminar war München 2018 ein Thema. Wie stehst Du dazu?

Olympische Spiele im eigenen Land sind schon eine tolle Sache. Aber ich denke man muss immer genau hinschauen. Ich habe es ja in Vancouver erlebt, dass da so viele Interessen im Spiel sind und man muss aufpassen, dass die Sportler im Mittelpunkt stehen und es nicht um irgendwelche Sponsoren geht, die sich profilieren wollen. Man muss mit den Sportlern reden und sportlerfreundliche Spiele machen und dann wird sicher auch eine super Sache.

Letztes Jahr war eine Menge von Deinem Verlobten zu lesen, z.B. das er Berufssoldat ist und Du Pazifistin (Jenny lacht). Die Frage, über die – glaube ich – jedoch nie etwas zu lesen war: wie habt ihr Euch eigentlich kennen gelernt und wie seid ihr zusammen gekommen?

Das ist eigentlich eine schöne Geschichte (und strahlt dabei übers ganze Gesicht). Wir waren zusammen auf der Sportschule. Er war Fussballer beim BFC und wir kannten uns halt vom Sehen. Wr hatten zusammen Russischunterricht und er war immer so schüchtern und wurde ganz rot, wenn er etwas gefragt wurde (lacht). Nach dem Abitur hatten wir uns dann aus den Augen verloren. Er studierte bei der Bundeswehr Sport und hat sein Praktikum bei uns an der Schule gemacht, so dass wir uns dann 5 Jahre später beim Essen in der Herberge, in der ich damals wohnte, wiedergetroffen haben. Wir waren dann über einige Jahr nur freundschaftlich verbunden.

Nach den Olympischen Spielen in Turin haben wir festgestellt: “wir haben jetzt beide keine Partner und könnten es doch einmal miteinander versuchen” (lacht). So in der Art… und seit 2006 sind wir ein richtiges Paar und seit dem bin ich auch so richtig erfolgreich. Von daher kann es nicht ganz so schlecht sein.

DESGphoto Uwe-Michael Hüttenrauch DESGphoto / L. Hagen

Oliver ist durch seine Arbeit sehr viel unterwegs. Du bist viel unterwegs. Wann seht ihr Euch und wie kommt ihr mit diesen langen Trennungen klar? Habt ihr ein System?

Das System ist: er kommt immer zu den Wettkämpfen und ist mein größter Fan. Aber anders würde es nicht gehen, sonst würden wir uns den ganzen Winter nicht sehen, weil er nur am Wochenende zu Hause ist. Aber das lässt sich ganz gut regeln, dass er immer zu den Wettkämpfen kommt. Wir haben festgestellt, dass es gut ist, wenn jeder so viel reist, weil man dann weiss wie das so ist und akzeptiert es. Wir kennen es nicht anders und daher haben wir uns gut damit arrangiert.

Das Du im Januar heiraten wirst, ging vor kurzem durch die Presse und Du sagtest, dass Du nicht so weit vorausplanen würdest. Dennoch, Du hast Dein erstes Studium in Germanistik abgeschlossen und studierst jetzt noch BWL. Warum jetzt noch das Zweitstudium und warum BWL?

Ich habe festgestellt, dass das erste Studium mir überhaupt keine Berufsperspektive gegeben hat. Das habe ich so als Hobby gemacht und es war ja auch eine tolle Sache, aber ich hatte das Gefühl, dass ich vom wahren Berufsleben doch sehr weit weg bin. Ich habe dann zu mir gesagt: “BWL macht zwar jeder”, aber es ist wirklich sehr praktisch und auch in Bezug auf die Sponsoren. Da hat man so viele Möglichkeiten, dann dort anzufangen oder ein Praktikum zu machen um einfach mal rein zu schnuppern in das normale Arbeitsleben (lächelt verschmitzt). An der Fachhochschule ist das Studium wirklich sehr gut und praxisbezogen und hat mir den Horizont noch einmal sehr erweitert.

Die Zeit nach dem Sport: gibt es da schon Vorstellungen bei Dir? Könntest Du Dir z.B. vorstellen als Moderatorin zu arbeiten oder als Trainerin oder was könnte die Richtung sein?

Vorstellungen habe ich ganz viele. Am liebsten würde ich ein Leben führen, wie wie ich es jetzt habe (lacht). Als Leistungssportler hat man nicht wirklich große Probleme, außer dass man Nachmittags einen ordentlichen Wettkampf laufen muss. Aber ich denke es wird sehr schwer werden da beruflich etwas zu finden. Ich stelle mir aber schon vor in Richtung Sport etwas zu machen. Vielleicht auch eine Selbstständigkeit und einfach davon zu profitieren, dass ich jetzt so viele Erfahrungen habe in Richtung Körper oder gesunde Ernährung. Eine andere Sache wäre aber auch Kulturmanagement, Sportveranstaltungen etc. Aber mittlerweile sage ich mir, dass ich nicht den Kontakt zu der Sportwelt verlieren möchte.

Könnte also die Chance bestehen, dich ggf. bei Olympia 2018 in München im Organisationskomitee wie zu finden?

(lacht) ja ja, da darf ich jetzt nicht zu schlecht über die Bewerbung reden, aber genau solche Sachen sind es. Das würde mich schon sehr interessieren.

Letzten zwei Fragen: was würdest Du gerne mal gefragt werden, was Du noch nie gefragt wurdest und was würdest Du darauf dann antworten?

Hmm… ich wurde ja schon eine Menge gefragt. Ich habe mir damals auch schon mal den Kopf darüber zerbrochen, aber ich habe vergessen was mir dazu eingefallen ist. Aber die Frage war schon mal eine gute Frage und meine Antwort darauf hast Du ja jetzt (lacht wieder)

Letzte Frage: was war die schrägste Journalistenfrage, die Dir gestellt wurde?

Es kamen da mal so Fragen, wenn jetzt die Mehrkampf-WM bevorstände, wie ich mir da so meine Ziele ausrechne und ob ich da die 500m gewinnen werde. Aber das kann man den Journalisten nicht unbedingt vorwerfen, da es ja nicht ganz so einfach ist da durchzublicken. Gerade im Vorfeld von Olympia hat man auch gemerkt, dass viele Redaktionen einfach irgendwelche Leute geschickt haben “sprich doch mal mit der Jenny Wolf und die hatten dann überhaupt keine Ahnung. Da kamen dann schon lustige Fragen. Aber da bin ich wirklich tolerant und versuche freundlich zu bleiben.

Doch noch eine sportliche Frage zum Sprintmehrkampf. Du sagtest die 500m läufst Du. Wie schaut es aber mit den 1000m aus?

Eigentlich hatte ich nach Olympia gedacht, dass ich eine neue Herausforderung suche und die 1000m etwas mehr angehe. Dann habe ich aber festgestellt, dass sie immer noch irgendwie hart sind und so richtig freuen würde ich mich auch nicht, wenn ich jedes Wochenende auch noch die 1000m laufen müsste. Aber die Sprint-WM, da bin ich jetzt Weltmeisterin, zweite und dritte gewesen und da werde ich jetzt nicht sagen: “Och, jetzt laufe ich sie nicht mehr”, weil ich ja immer noch zu den Medaillenkandidatinnen gehöre.

Jeder andere würde sich freuen, wenn er überhaupt teilnehmen könnte und ich sage: “ach, vier mal laufen und dafür eine Medaille. Da habe ich keine Lust dazu”. Also ich gehe noch voll mit und will auch bei der Sprint-WM wieder ganz vorne dabei sein.

Da freuen wir uns jetzt schon darauf und wünschen Dir natürlich viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch

zum ersten Teil des Interviews mit Jenny Wolf

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