Uwe Hüttenrauch ist der neue Alte

Autor: SSN Sonntag, März 22nd, 2015 ein Kommentar Unter: Eisschnelllauf

DESGphoto Uwe-Michael Hüttenrauch DESGphoto / L. Hagen

Es ist ein kalter und klarer Winterabend in Berlin, als ein kleiner Junge auf dem Weg zum Training ist. Die Berliner-Eisbahn war noch eine Freiluftbahn und umgeben von einer Zuschauertribüne, die den Blick auf das Eis und Ziel seiner Wanderung verbarg. Ein wenig aufgeregt, versunken in Träumen von künftigen sportlichen Erfolgen und noch einige 100m von seinem Ziel entfernt, wurde der Junge plötzlich von entfernt klingenden Schreien „Hepp, Drücken, Hepp“ jäh aus seinem Traum gerissen. – dieser kleine Junge war meiner einer und das Geschilderte liegt nun mehr als 30 Jahre zurück. Dennoch ist dieses kleine Erlebnis – das eines der ersten und nachhaltigen Eindrücke an Uwe-Michael Hüttenrauch war – hängen geblieben. Und auch wenn seine Schreie heute etwas leiser sind, so gehört „Hütte“ *, wie er liebevoll genannt wird, wohl zu den charismatischsten Trainern die in Deutschland aktiv sind.

Doch wer ist dieser Mensch der jetzt das Training von Claudia Pechstein und der sie umgebenden Gruppe leitet? Der folgende Text, soll einen kleinen Eindruck vermitteln, wer Hütte ist und wie er „tickt“.

DESGphoto Isabell Ost, Uwe-Michael Hüttenrauch DESGphoto / L. Hagen

Uwe-Michael Hüttenrauch wurde am 08.08.1955 in Magdeburg geboren. Schon früh entdeckte er seine Liebe zum Sport und insbesondere zur Leichtathletik. Als ehemaliger Zehnkämpfer wurde ihm schnell klar, dass sein beruflicher Weg am Sport nicht vorbeiführt und er in die „große Stadt“ Berlin ziehen muss. Dort wurden ihm von seinem damaligen Vorgesetzten des SV Dynamo mehrere Sportarten vorgeschlagen, bei denen er als Nachwuchstrainer anpacken konnte. Sein eigentlicher Traum, der des Trainers in der Leichtathletik, konnte jedoch in der DDR nicht wahr werden, so dass er auf Empfehlung von Siegfried Rothe (Leichtathlet und Olympiateilnehmer 1964 in Tokio) beim Eisschnelllauf landete. Hier konnte er seine Kenntnisse vor allem im vielfältigen Sommertraining, mit Radfahren, Roll- und Athletiktraining einbringen. Glück für seine späteren Sportler, denn eine Alternative als Schwimmtrainer lehnte Hütte ab – es war ihm einfach zu warm und zu nass.

Sein erster Arbeitstag begann am 17.10.1977 beim damaligen SV Dynamo Berlin. Als Nachwuchstrainer im Eisschnelllauf brachte er Kindern aus den Sichtungen das technisch-saubere Schlittschuhlaufen bei (was im heutigen Training leider viel zu oft vernachlässigt wird) und entwickelte seine Schützlinge von der Aufnahme ins Trainingszentrum (TZ) bis hin zur Übergabe der Sportler in den Seniorenbereich. So ist es kaum verwunderlich, dass in Berlin wirklich jeder Sportler irgendwann einmal etwas mit Uwe Hüttenrauch zu tun hatte.

Das Hütte von seinen Sportlern immer vollen Einsatz forderte zeigt auch ein anderes Beispiel: in der vierten Klasse gehörte Eislaufen zum Schulsportprogramm in der DDR. Somit kamen auch zwei meiner Mitschüler und ich zu diesem Vergnügen. Als damals aktive Sportler freuten wir uns darauf etwas Spass auf dem Eis zu haben. Schliesslich trainierten wir schon drei Jahre und wollten etwas angeben (Kinder machen so etwas). Umso größer war unsere Überraschung als Herr Hüttenrauch vor uns stand und wir drei ein volles Trainingsprogramm absolvieren durften, während alle anderen ihren Spass hatten…

DESGphoto Janice Heimberger, Uwe-Michael Hüttenrauch DESGphoto / L. Hagen

Als Landestrainer war er bis 1997 fest angestellt und oft als „harter Hund“ verschrieen, der sich auch vor unkonventionellen Trainingsmethoden nicht scheute. Auch wenn seine charakterlichen Eigenarten (und nicht zuletzt sein lautes Organ) besonders die „neuen und jüngeren“ Sportler zuweilen einschüchtern konnten, war und ist Hütte stets fair! Er fordert von seinen Schützlingen das Maximum – reisst sich im Gegenzug jedoch für jeden einzelnen von ihnen (Entschuldigung für den Ausdruck) der Allerwertesten auf. Hierbei spielten Wochentage oder offizielle Arbeitszeiten für ihn noch nie einen Grund, so dass seine eigene Familie oft genug zurückstecken mussten. Mit seinem Basecap und Schnauzer als Markenzeichen, die Arme verschränkt oder in den Hosentaschen und meist mit Eishockeyschlittschuhen war und ist er mehr als einmal der erste und der letzter, der das Sportforum betritt bzw. verlässt.

Wie stark diese Verbundenheit und der Respekt ihm gegenüber ist, zeigte sich eindrucksvoll im Januar 1997. Als sein damaliger Vertrag als Landestrainer nicht verlängert wurde und ihm das weitere Training seiner Sportler untersagt wurde, verliessen diese aus Protest geschlossen den Verein – nur um weiter bei ihrem Hütte trainieren zu können.

In den 90ern wurden seine Töchter, die auch Eisschnelllauf trainierten von anderen Sportlern darauf angesprochen, ob Herr Hüttenrauch ihr Vater sei. Als sie dies bejahten erhielten sie bemitleidenswerte Blicke und wurden gefragt, ob er zu Hause auch so streng sei. Die Antwort darauf kann bei seiner Tochter, Maria Hüttenrauch, erfragt werden…

Im Laufe der Jahre durchliefen viele bekannte Namen seine „liebevollen Trainerhände“. Ganz vorn dabei sind Namen wie Angela Stahnke, Jenny Wolf (die ohne ihn vermutlich den Sport aufgegeben hätte und nie zur erfolgreichsten deutschen Sprinterin geworden wäre), Katrin Mattscherodt, Monique Angermüller, Isabell Ost und jetzt auch Claudia Pechstein (um nur einige wenige zu nennen). Letztere erklärte einmal bei den Europameisterschaften 2009 in Heerenveen bei einem Interview gegenüber dem NRC Handelsblad auf die Frage wie sie zum Eisschnelllauf gekommen sei: „Der ist Schuld. Fragt den lieber.“ und zeigte auf Hütte (nachzulesen unter: https://www.nrc.nl/handelsblad/van/2009/januari/12/zonneschijn-weet-precies-wat-ze-wil-11667355).

DESGphoto Uwe-Michael Hüttenrauch, Besser bekannt als "Hütte" DESGphoto / L. Hagen

Als späterer Vereinstrainer des SCB und später als einer der Hauptinitiatoren und Gründer des EVB’08 gehört er zum festen Inventar in Berlin. Als Juniorentrainer war es Uwe Hüttenrauch bisher nicht wirklich vergönnt die großen Erfolge seiner Sportler live vor Ort zu erleben und zu geniessen. Aus der Entfernung nahm er aber immer rege Anteilnahme an Erfolgen als auch Misserfolgen. Legendär sind seine Freude, aber auch seine Flüche, wenn einmal etwas nicht so optimal lief.

Durch seine strenge und enge Bindung zu seinen Sportlern ist es jedoch nicht verwunderlich, dass seine Schützlinge, obwohl mittlerweile hauptamtlich von anderen Trainer betreut, auch immer wieder zu ihm zurückkehren, um sich einen Rat oder Tipp zu holen.

Aber nicht nur Junioren konnten bisher von seinem Training profitieren. So trainierte Uwe Hüttenrauch einige Jahre die dänische Olympiateilnehmerin von Vancouver, Cathrine Grage, und stand als Coach für sie auf dem Eis.

DESGphoto Uwe-Michael Hüttenrauch, Isabell Ost DESGphoto / L. Hagen

Ab dem 01.04.2015 wird er als neuer Bundestrainerassistent die Trainingsgruppe um Claudia Pechstein in Berlin betreuen und hier vor allem im Ausdauerbereich seine Akzente setzen. Er folgt somit André Unterdörfel, der nach der Einzelstreckenweltmeisterschaft in Heerenveen, von dieser Funktion entbunden wurde. Für Uwe Hüttenrauch wird die neue Aufgabe hingegen sicherlich alles andere als einfach werden, liegt doch ein ungeheuer Erwartungsdruck auf seiner neuen Position und auch von seiner prominentesten und erfolgsverwöhnten Protagonistin. Hierbei können und werden ihm aber neben seiner langjährigen Erfahrung (nicht zuletzt aus dem DDR-Trainingssystem, welches auch Claudia Pechstein als Jugendliche geformt hat) und seine Persönlichkeit mit „Fordern und Geben“ sehr hilfreich sein. Sicher dürfte hingegen sein, dass sich das Training etwas ändern dürfte…

Abschliessend noch einen kleiner Steckbrief

Private Erfolge:

  • glücklich seit 1979 mit der gleichen Frau verheiratet
  • 2 wundervolle Töchter

Persönliche Ziele und Träume:

  • Porsche fahren
  • Millionen scheffeln
  • Erdöl finden

Was wird er im Training anders machen?

  • alle Sportler müssen rechts herum laufen
  • Einführung einer B-Note
  • Coca Cola wird als Sportlergetränk verpflichtend
  • aber: er wird nichts Neues erfinden

Wenn er einen Wunsch frei hätte:

  • nochmal drei Wünsche und dann
  • Gesundheit für seine Frau und sich
  • Weisheit Erdöl zu finden
  • Toleranz andere reden zu lassen und dies auch zu ertragen

 

* um ihn öffentlich „Hütte“ nennen zu dürfen, muss die entsprechende Person einige Kriterien erfüllen. Diese können bei ihm persönlich nachgefragt werden. Früher wurde dieses Privileg auch gerne an sportlichen Leistungen fest gemacht. So mussten z.B. Frauen die 3.000m unter 4min laufen, um sich diese Ehre zu verdienen.

Eine Antwort zu “Uwe Hüttenrauch ist der neue Alte”

  1. Katrin S. sagt:

    Mein früherer Trainer beim SCK war auch ein harter Hund. Sein Motto lautete : Hart zu sich selbst und grausam zu anderen. ;-)
    Er verlangte von uns immer im Wettkampfbis zum Umfallen zu kämpfen. Umfallen aber erst nach der Ziellinie.
    RIP ! Rudi Hähnel