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Aschenputtel von Wjatka verstorben

Autor: SSN Friday, March 25th, 2011 Nicht kommentiert Unter: Eisschnelllauf , Historie

Die russischen Nachrichtenagenturen vermeldeten am Freitagmorgen mit nur wenigen Worten den Tod von Marija Isakova. Die 90jährige verstarb in Moskau im Schlaf. Nur wenige Minuten später erschienen in den Onlineausgaben der russischen Zeitungen die ersten ausführlichen Nachrufe auf die große Dame des sowjetischen Eisschnelllaufens. Isakova gilt bis heute als beliebteste Eisschnellläuferin der so erfolgreichen Epoche des sowjetischen Eisschnelllaufens, was nicht wenig mit ihrer Geschichte, die eine so typische russische Geschichte ist, zu tun hat.

In vielen russischen Quellen wird der Geburtstag von Marija als 5.Juli 1918 angegeben, dies ist jedoch falsch und beruht auf einen Schwindel, den Isakova erst viele Jahre später bekannt gab. In Wirklichkeit kam sie zwei Jahre später in der Stadt Wjatka zur Welt. Es mag an der russischen Mentalität liegen, dass das falsche Geburtsdatum bis heute übernommen wird.

Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts trat das Mädchen dem Verein Dynamo Wjatka bei und machte sehr schnell Fortschritte.  Es war kein Zufall dass Marija beim Sportverein Dynamo landete, denn die Arbeiterfamilie lebte unmittelbar neben dem Stadion und die kleine Marija schlich sich durch ein Loch im  Zaun fast täglich ins Stadion. Sie liebte das Eisschnelllaufen und war täglich mehrere Stunden auf dem Eis. Zuerst nur auf geliehenen Schlittschuhen, später als ein Trainer ihr Talent bemerkte bekam sie eigene geschenkt. Das Eisschnelllaufen der Frauen war in dieser Zeit noch in der Entwicklung, erst ab 1933 wurden regelmäßig die sowjetische Meisterschaft ausgetragen und auch eine Weltmeisterschaft gab es erstmals 1933. Als die Stadt Wjatka im Jahr 1934 in Kirov umbenannt wurde, galt Isakova bereits als größtes Talent der Region. Bereits in ihren ersten Wettkämpfen war sie nicht zu schlagen, als Siegerpreis wählte sie damals Galoschen, die in der Familie dringend benötigt wurden.  Ergebnisse aus ihrer Anfangszeit sind leider nicht überliefert, jedoch  war sie stadtbekannt und viele Menschen drängten sie an den sowjetischen Meisterschaften teilzunehmen.

Erst ab der Saison 1935/36 taucht die Läuferin von Dynamo Kirov in den überlieferten Ergebnislisten auf. Bei den sowjetischen Meisterschaften in Moskau wird die 15jährige am Ende Fünfte, aber nur weil sie über die 500 Meter gestürzt war, auf den anderen Strecken stand das Nachwuchstalent jeweils auf dem Podium.  Diese Meisterschaften sind auch der Grund warum Isakova in vielen Quellen mit einem Geburtsdatum 1918 angegeben wird. Das Mindestalter für die Teilnahme an sowjetischen Meisterschaften war damals 17. Also machten die Betreuer das Mädchen in der Meldeliste zwei Jahre älter, damit sie teilnehmen konnte.

Nun war auch der Verband auf das Mädchen aufmerksam geworden und lud Isakova zu den nationalen Trainingslehrgängen ein. In den beiden Folgejahren wurde die Juniorin jeweils Vierte bei den Nationalen Meisterschaften. Isakova schien eine große Karriere vor sich zu haben, allerdings nahm die Sowjetunion auf Grund der politischen Situation und finanzieller Schwierigkeiten zur damaligen Zeit nicht an Weltmeisterschaften teil. Den Vergleich zur Weltspitze brauchten die Läuferinnen aus der Sowjetunion aber nicht zu scheuen, Isakova selbst lief im März 1936 auf den Strecken 500, 3000 und 5000 Meter jeweils Zeiten die unter dem offiziellen Weltrekord lagen. Eine Anerkennung dieser Rekorde durch den Weltverband erfolgte nicht, da der Wettkampf im Dynamo Stadion in Kirov nicht offiziell angemeldet war.

Im Jahr 1938 siegte die nun 17jährige bei der zweiten Austragung des “Preises zu Ehren Sergej Kirov” in ihrer Heimatstadt und unterbot abermals einen bestehenden Weltrekord. Dieser Wettkampf entwickelte sich in der Folgezeit zu einem der wichtigsten sowjetischen Rennen überhaupt und Isakova sollte noch vier weitere Siege erringen.

Dieser Preis von Kirov verdeutlicht auch den langen Geschichtszeitraum den Marija Isakova erlebte, sie war Teilnehmerin der ersten Austragung vor dem 2.Weltkrieg, verabschiedete sich als Aktive beim 15.Wettkampf sechs Jahre nach dem 2.Weltkrieg, stand in mehr als 30 Jahren als Trainerin an der Bande und vor wenigen Wochen erlebte Isakova noch die 73.Austragung dieses Wettkampfes, der mittlerweile zum Russland Cup gehört.

In den Jahren 1939 bis 1941 tauchen nur wenige Ergebnisse von Isakova auf, die 1939 erstmals Mutter wurde. Nach der Geburt von Tochter Polina startete Marija noch bei einigen Wettkämpfen, wurde erneut Mutter eines Mädchens und dann kam der Krieg. Hitlerdeutschland überfiel die Sowjetunion, zahlreiche Tote hatte auch die Familie Isakova zu beklagen. Marija verlor ihre jüngere Tochter Ilju sowie ihren ersten Ehemann. Sie arbeitete in einer Klinik und unterstützte viele Patienten durch Krankengymnastik bei der Heilung.  Und dann rückte wieder der Sport in den Fokus.

1943 startete sie unterernährt und Gram ob ihrer persönlichen Verluste bei den sowjetischen Meisterschaften in Moskau und wurde immerhin Siebte. Bei den sowjetischen Meisterschaften 1944 wieder in Moskau errang sie die Silbermedaille, beim Kirov-Preis gelang ihr der zweite Sieg. Mittlerweile war Isakova von Kirov nach Moskau gezogen und startete für Dynamo Moskau. Hatte es bis dato den Anschein, als würde das  Talent nie große Erfolge erringen können, sollte nun eine Karriere beginnen, die ihres gleichen sucht.

Isakova erringt 1945 ihren ersten Meistertitel, den 1946,47,48,49 und 51 gegen die Weltklassekonkurrenz weitere folgen sollen. Im Februar 1946 war es dann soweit, 10 Jahre nach ihrem ersten Weltrekord darf Isakova beim Länderkampf gegen Norwegen in Oslo erstmals international starten. Es ist nicht bekannt ob der Spitzname “Aschenputtel von Wjatka” bei diesem Wettkampf entstand, aber sicher ist, dass er nach diesem Rennen um die Welt ging. Überliefert ist, dass das sowjetische Team mit einer Militärmaschine nach Oslo flog und in dem kalten Flugzeug jämmerlich frieren musste. Legendär auch, dass Isakova von ihrer nicht qualifizierten Freundin Marija Anikanova (WM-Zweite 1952) deren Filzstiefel für die Reise geliehen kam, da sie keine eigenen hatte. Isakova, die vor dem Wettkampf übernervös war, hatte am Vortag zu viel trainiert und fühlte sich nicht in bester Verfassung für den Wettkampf. Was dann aber folgte war eine Demonstration, die vier sowjetischen Läuferinnen waren den Norwegerinnen um mehrere Sekunden überlegen. Tatjana Karelina lief einen neuen 1500 Meter Weltrekord und Marija Isakova gewann den Länderkampf. Die Norweger waren von der 25jährigen schlicht begeistert, “Ein solch unscheinbares Mädchen, dass mit solch königlicher Eleganz läuft… und solch geistreichen Interviews gibt,…es ist das Aschenputtel von Wjatka” so eine Osloer Tageszeitung.

Doch die Verehrung der Marija Isakova sollte erst zwei Jahre später ihren Höhepunkt erreichen. Erstmals war die Sowjetunion im finnischen Turku bei Weltmeisterschaften am Start und Isakova galt als haushohe Favoritin auf den Titel. Sie hatte 12 Jahre auf diesen Moment gewartet und dann geschah das Unfassbare. Beim Aufwärmen vor dem 500 Meter Start gab es ein Knirschen im Knie und starke Schmerzen.  Isakova hatte bereits in den Jahren zuvor Meniskusprobleme und die Ärzte hatten immer wieder zur Operation geraten. Das Knie wurde verbunden, die Ärzte gaben ihr eine schmerzstillende Spritze und 20 Minuten später lief Isakova trotz starker Schmerzen ein gutes 500 Meter Rennen und lag auf Platz zwei. Über 3000 Meter siegte sie und übernahm die Führung in der Gesamtwertung. Trotz einer schlaflosen und schmerzhaften Nacht sowie einem geschwollenen Knie konnte Isakova auch die 1000 Meter gewinnen und sich mit Rang drei über 5000 Meter souverän den Titel sichern. Nicht der Sieg, sondern die Umstände und die ganze Lebensgeschichte machten Isakova mit diesem Sieg zur Heldin. Sie wurde in der Heimat triumphal empfangen, das “Aschenputtel von Wjatka” war mit einem Schlag berühmt, sie wurde selbst in den Großstädten von den Menschen erkannt und um Autogramme gebeten. Die sowjetische Staatsführung zeichnete sie mit dem “Lenin-Orden” aus, das Stadion ihrer Heimatstadt wurde auf den Namen “Marija-Isakova-Stadion” getauft, in der U-Bahn-Station am Dynamo Stadion in Moskau ist noch heute das Relief mit ihrem Porträt zu bewundern, der Bildhauer Janson-Manizer schuf eine Statue, deren Kopien noch heute in viele Dynamo Geschäftsstellen in Russland zu finden sind.

Nicht auszudenken, wenn in Turku keine sowjetische Sportlerin gewonnen hätte. Die Friedensabkommen mit Finnland standen zu dieser Zeit kurz vor der Unterzeichnung und Isakova hatte einen klaren Parteiauftrag. Sieg um die Stärke der Sowjetunion zu beweisen, nichts anderes war für die Politoberen hinnehmbar.

Die Weltmeisterschaft 1949 in Kongsberg hatte die Kiroverin bereits nach drei Strecken gewonnen, deshalb konnte sie es über 5000 Meter ruhiger angehen lassen. Doch 1949 war nur ein Zwischenjahr, denn im Jahr 1950 fand die Weltmeisterschaft in  Moskau vor heimischen Publikum statt. Isakova hatte wiederum mit starken gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, ihr Start war bis zum Schluss ungewiss. Nach einer nicht ganz auskurierten Grippe war die Weltmeisterin bei den Nationalen Titelkämpfen gegen Zinaida Vorobjova chancenlos und galt auch für die WM nicht mehr als große Favoritin. Doch wieder konnte Marija mit ihrem Kampfgeist überzeugen. Sieg über 500 Meter und gute Leistungen auf den anderen Strecken, damit war der dritte WM-Titel in Folge perfekt. Cirka 60000 Zuschauer verfolgten die Rennen und bejubelten Isakova bei ihrem Sieg gegen Vorobjova.

1951 dann noch einmal ein starkes Jahr von Marija Isakova, sie eroberte den Titel bei den sowjetischen Meisterschaften, lief einen neuen Weltrekord über 1500 Meter und galt erneut als Favoritin auf den WM-Titel. Doch wieder einmal machte die Politik der nun schon 30jährigen einen Strich durch die Rechnung, die Weltmeisterschaft fand in Schweden statt und auf Grund der damaligen politischen Spannungen zwischen beiden Staaten war die Sowjetunion nicht vertreten. Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wissen konnte, für Isakova wäre es die letzte Chance auf einen vierten WM-Titel gewesen.

Neben ihren Knieproblemen traten nun auch vermehrt andere Krankheiten auf, insbesondere mit den Nieren gab es Schwierigkeiten. Isakova konnte nicht mehr im vollen Umfang trainieren und dementsprechend auch nicht mehr mit den besten Läuferinnen mithalten. Marija begann 1952 mit einer Pädagogik- und Trainerausbildung, parallel nahm sie weiter an Wettkämpfen teil. Die sowjetischen Meisterschaften 1954 in ihrer neuen Heimatstadt Moskau bildeten den würdigen Rahmen für den Abschied der Marija Isakova vom Eis. Und es wurde ein würdiger Abgesang, immerhin jeweils noch Platz acht über 500 und 1000 Meter.

Bis zum Renteneintritt blieb Marija Isakova ihrem Verein treu. Sie arbeitete als Trainerin und Pädagogin im Dynamo Verbund, hauptsächlich in Moskau, ehe sie Mitte der 80er Jahre in Rente ging. Rückblickend sagte sie einmal, dass sie als Trainerin nicht so geeignet war, sie lebte hauptsächlich von ihrem Kampfgeist und dieser sei nun mal schwer vermittelbar. Bereits 1957, nur kurz nach ihrem Rücktritt, wurde ein Meeting “Marija Isakova” als Nachwuchsrennen ausgetragen, eine Ehre die lebenden Personen nur selten ereilt.

Auch wenn es offiziell die Bezeichnung nicht gibt, Isakova galt als “Volkssportlerin” einen Ruf den sie sich durch zahlreiche Auftritte in Betrieben und Einrichtungen des Landes erworben hat, sie war ein Star zum Anfassen, sie war ein Star den das Volk liebte.

16 Jahre nach Tochter Polina bekam Marija einen Sohn, Andrej erblickte 1955 das Licht der Welt. Und nur sieben Jahre später, im Alter von 42 Jahren war Marija Isakova zum ersten Mal Großmutter. Drei weitere Enkelkinder erblickten das Licht der Welt und auch die beiden Urenkel Marija und Pavel sind längst erwachsen.

Was der Russin in ihrer langen und schwierigen Karriere verwehrt blieb war ein Start bei den Olympischen Spielen. Für Frauen gab es im Eisschnelllauf erst 1960 Olympische Wettbewerbe, für Isakova 10 Jahre zu spät.

Am Freitag, den  25.03.2011 verstarb das “Aschenputtel von Wjatka” und damit eine der letzten Legenden des Eisschnelllaufens.

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