Beiträge zur Shorttrack-Sicherheitsdebatte

Author: SSN 6 January 2007 No Commented
Under: News

Denkan­stö&be­ta;e durch ka­nadische Studie und Er­fahrun­gen von Dr. Smasal

- Ka­nadische Studie: Gute Pol­ster bi­eten auch bei fes­ten Ban­den Schutz
- Dr. Volk­er Smasal: Sicher­heit hat Vor­rang, da­her keine Sch­nellschüsse!

Die im “Kufen­fl­itz­er” und auf desg.de anges­to&be­ta;enen Sicher­heits­de­batte im Short­track (mehr In­fo: hi­er klick­en) hat ein leb­haftes Echo aus­gelöst. Auf zwei Diskus­sions­beiträge möcht­en wir an dies­er Stelle näher einge­hen.

Ka­nadische Studie: Gute Pol­ster bi­eten auch bei fes­ten Ban­den Schutz

Mat­thias Ku­lik, ehe­ma­liger Short­track­er und Nach­wuch­s­train­er beim SLIC München, wies uns auf eine ka­nadische Studie hin, die die Wirk­samkeit von ver­schie­de­nen Ban­den­pol­stern un­ter­sucht hat.

In der Studie wer­den so­ge­nan­nte ISU-Mat­ten (die den An­forderun­gen der ISU genü­gen, 21 cm stark), Nor­mal­mat­ten (mit verbesserten Ei­gen­schaften, 26 cm stark) sowie dicke Mat­ten (mit den besten Ei­gen­schaften, 60 cm stark) in ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen geprüft und ver­glichen, eben­so der Wert von of­fen- und geschloss­pori­gen Schaum­stoff­mat­ten (al­so solchen, aus deren Proren Luft en­tweichen kann bzw. nicht en­tweichen kann). In den Sch­luss­fol­gerun­gen der Studie (Blatt 19 der Präsen­ta­tion) hei&be­ta;t es:

- Je dick­er die Matte(n), um so bess­er. Geschlossen­porige Schaum­stoff­mat­ten führen zu Ver­let­zun­gen.
- Eine Nor­mal­matte sch­lägt eine ISU-Matte in jeglich­er Bezie­hung.
- Dop­pelt Nor­mal­mat­ten sch­la­gen dop­pelte ISU-Mat­ten in der Auf­pral­labfederung, zumeist auch hin­sichtlich Rück­pral­lver­hü­tung.
- Ob eine Kom­bi­na­tion Nor­mal­matte mit ISU-Matte gut oder sch­lecht ist, hängt davon ab, wie die Mat­ten ange­bracht sind.
- Geschlossen­porige Schaum­stoff­schicht­en sind nut­z­los oder schädlich, wenn sie an der Vorder- oder Rück­seite ange­bracht sind.
- Eine Zwischen­schicht aus geschlossen­porigem Schaum­stoff kön­nte et­was nützen, hi­er sind noch weitere Un­ter­suchun­gen nötig.
- Gute Auf­pral­labfederung und gute Rück­pral­lver­hü­tung in nur ein­er Matte ist möglich, aber nicht leicht re­al­isier­bar.
- Wenn Kosten, Gewicht und Be­weglichkeit nicht das Wichtig­ste sein sollen, dann ge­ht nichts über die dick­en Mat­ten.

Aber natür­lich bi­etet auch die die so­ge­nan­nte ISU-Matte, ko­r­rekt ange­bracht, wesentlichen Schutz vor Ver­let­zun­gen. Auch die ISU-Matte (beschrieben im ISU-Kom­mu­niqué 1019) ist auf der Grund­lage von Forschun­gen en­s­tan­den. Das ist aber in­zwischen acht Jahre her. Hi­er beste­ht sicher­lich auf Seit­en des Weltver­ban­des Hand­lungsbe­darf.

Die Ergeb­nisse der Studie als PDF-Doku­men­ta­tion (in En­glisch, mit Bildern und Di­a­gram­men)
ISU-Kom­mu­niqué 1019 zu An­forderun­gen an Short­track-Mat­ten vom März 1999 (in En­glisch)


Dr. Volk­er Smasal: Sicher­heit hat Vor­rang, da­her keine Sch­nellschüsse!

Von Dr. Volk­er Smasal

Diskus­sio­nen über Sicher­heit im Sport, so auch im Eissch­nel­l­lauf und hi­er vor allem im Short­track wer­den im­mer wied­er nach sch­w­eren Un­fällen ver­stärkt ge­führt.

Im Short­track ist die Lauf­schiene we­gen des ständi­gen Laufens en­ger Kur­ven ge­bo­gen. Es wer­den max­i­male Gesch­windigkeit­en von 50 km/h er­reicht. Ger­ade die en­gen Kur­ven bei Schrägla­gen des Kör­pers zwischen 38 und 40 Grad, die Ge­fahr des Kör­perkon­taktes bei der An­zahl der Läufer und nicht zulet­zt die ge­bo­ge­nen und schar­fen Kufen er­höhen die Ge­fahren für Stürze und Ver­let­zun­gen.

Stürze und Kol­li­sio­nen führen zu Prel­lun­gen vor allem an Schul­ter, Rück­en, Beck­en und Schädel, sel­ten­er auch zu Frak­turen vermehrt der oberen, aber auch der un­teren Ex­trem­ität und hi­er teil­weise zu sch­w­eren Frak­turen des Un­ter­schenkels bzw. Sprungge­lenkes wie im Falle des jun­gen Robert Seifert. Gestürzte Läufer ver­suchen in Sitz­po­si­tion zu kom­men, eine ho­he Kör­pers­pan­nung aufzubauen und den Auf­prall an der ge­pol­sterten Ban­den­be­gren­zung durch Kör­per­dre­hung mit Rück­en und Schul­ter zu dämpfen. Des ßfteren kommt es den­noch durch ho­he Auf­prallgesch­windigkeit, ungün­sti­gen Auftr­ef­fwinkel des Kör­pers und un­zureichende muskuläre Sicherung zu Dis­tor­sio­nen vor allem der Hal­swir­bel­säule. Train­ingsstürze v. a. ohne die ob­li­gat­en Schutz­mat­ten an den Be­gren­zungs­ban­den führten in den let­zten Jahren beim Short­track zu sch­w­eren Wir­bel­säu­len­ver­let­zun­gen auch mit Quer­sch­nittläh­mung.

Bei Stürzen kommt es durch den Geg­n­er oder dessen scharfe Sch­littschuhkufen, das Eis oder die Ban­den zu Schürf -, Riss-, Sch­nitt- oder Platzwun­den. Die im Short­track vorgeschriebene Schutzk­lei­dung ver­min­dert hi­er die Häu­figkeit sch­w­er­er­er Ver­let­zun­gen an ex­ponierten Stellen. Kapsel-Band-Ver­let­zun­gen der Kniege­lenke und vor allem der Sprungge­lenke ent­ste­hen durch Stürze über den Geg­n­er oder Rutschen des Fu&be­ta;es un­ter die Ban­den­be­gren­zung, wo­durch es in der Folge durch Ver­dre­hung des Kör­pers zur Ro­ta­tions­be­las­tung auf Knie- und/oder Sprungge­lenke kommt. ßhn­liche Ver­let­zun­gen gesche­hen an Hand, El­len­bo­gen und Schul­ter, wenn der Arm un­ter die Schutz­mat­ten der Bande gerät .

Speziell im Short­track wurde die Sicher­heit­saus­rüs­tung in den let­zten Jahren enorm verbessert. Obli­ga­torisch sind in­zwischen Helm, sowie aus sch­nitt­festen Ma­te­rialien Nack­en­schutz, Hand­schuhe und Ren­nanzüge mit lan­gen ßrmeln und Bein­teilen, Schien­bein­s­chon­ern und Kni­eschütz­ern. Eine Brille zum Schutz der Au­gen wird vorgesch­la­gen. Die Schuhe sind aus harten Kar­bon­schalen ange­fertigt, teil­weise mit Led­erüberzug, die En­den der Kufen müssen abgerun­det sein, Klapp­sch­littschuhe wie im Eissch­nel­l­lauf sind nicht er­laubt.

Die Forderung nach flex­i­blen Mat­ten­sys­te­men ist ger­ade im Short­track – ein Nach­denken für die 400m Bahn würde sich sicher­lich auch loh­nen – berechtigt. Vor ein­er Um­set­zung sollte je­doch unbe­d­ingt über die Ver­let­zungs­mech­anis­men nachge­dacht wer­den. Diese geben die Ant­wort auf die Ziele, die durch ein funk­tionelles Mat­ten­sys­tem er­reicht wer­den sollen und müssen, um Fre­quenz und Sch­w­ere­grad der Ver­let­zun­gen zu ver­ringern und die Sicher­heit im Short­track zu er­höhen.

Bei der Um­set­zung “flex­i­bler Mat­ten­sys­teme” muss be­dacht wer­den, dass Flex­i­bil­ität alleine nicht aus­reichend ist. Es muss unbe­d­ingt ein “Punch­ing – Ef­fekt” ver­mie­den wer­den. Ein Rück­prall in Rich­tung Wet­tkampfgesche­hen und damit die Ge­fahr ein­er Kol­li­sion mit weit­eren Läufern wäre gegeben. Das flex­i­ble Mat­ten­sys­tem muss den/die Gestürzten so gut wie möglich “sch­luck­en”, d. h. eine ho­he Ab­sorp­tion muss er­reicht wer­den.

Wichtig ist auch der Nei­gungswinkel des Mat­ten­sys­tems. Zum ei­nen soll der Verun­fallte nicht un­ter die Mat­ten ge­drückt wer­den – er­höhte Ge­fahr bei mehr­eren gestürzten Läufern -, zum an­deren aber auch nicht darüber ka­t­a­pul­tiert wer­den.

Um Ver­dre­h­trau­men mit He­bel­wirkung an Ar­men und Bei­nen zu vermei­den, darf keine Lücke zwischen Mat­ten­sys­tem und Eis vorhan­den sein. Dies kann z. B. durch ei­nen “übereis­ten” Ma­te­rial­lap­pen der Matte oder “versenkte” Mat­ten gesche­hen – Mat­ten un­ter­halb des Niveaus der Eis­fläche.

De­shalb soll­ten nicht nur Ideen ge­sam­melt und Rufe nach Geld für mehr Sicher­heit im Short­track bzw. Eissch­nel­l­lauf laut wer­den. Die Konse­quenz sollte eine Ar­beits­gruppe – Be­to­nung auf Ar­beit – Sicher­heit im Short­track bzw. Eissch­nel­l­lauf sein. Vielleicht kön­nte ein Forschungspro­jekt sich nicht nur mit Mat­ten­sys­te­men, son­dern auch mit ent­sprechen­den Ma­te­rialien au­sei­nan­dersetzen. Es wäre dabei wohl selb­stver­ständlich, alle bish­eri­gen Er­fahrun­gen, so auch das “Turin­er Sicher­heit­skonzept” in die Ar­beit ein­flie&be­ta;en zu lassen. Ob let­z­tendlich ein Mat­ten­sys­tem mit oder möglichst ohne dahin­ter lie­gende fest­ste­hende harte Ban­den geschaf­fen wird, ist sicher­lich von vielen auch lokal un­ter­schiedlichen Um­stän­den ab­hängig. Und Sicher­heit ist, wie im­mer wied­er richtig er­wäh­nt, natür­lich nicht zum Null­tarif zu haben, bei Vermei­dung von “Sch­nellschüssen” aber vielleicht doch rel­a­tiv gün­stig im Ver­hält­nis zum Wert ge­sun­der Sportler.

Zur Per­son: Dr. Volk­er Smasal (58) ist nied­erge­lassen­er Spor­torthopäde mit ei­gen­er Praxis in München (Or­thopädie, Sportmedizin, Os­te­olo­gie). Seit 1986 tätig für ver­schie­dene Sportver­bände als Mann­schaft­sarzt und Ver­band­sarzt. Von 1991 bis 2002 und von 2003 bis 2006 war er lei­t­en­der Ver­band­sarzt der Deutschen Eissch­nel­l­lauf-Ge­mein­schaft. Er ist Au­tor zahl­reich­er medizinisch­er Fachauf­sätze, darun­ter zu Eissch­nel­l­lauf und Short­track, und war bei sechs Olympischen Win­ter­spielen als Medizin­er tätig.

Lit­er­a­tur:
Smasal V (1994): Musku­loskelet­tale Ver­let­zun­gen und ßber­las­tungsschä­den bei Eissch­nel­läufern. Ur­sachen, Ther­a­pie und Pro­phy­laxe. In: Prakt Sport­trau­ma­tol Sportmed. 10/S. 148-153
Smasal V (2001): Eissch­nel­lauf. In: Clas­ing D, Siegfried I, eds. Sportärztliche Un­ter­suchung und Be­r­a­tung. 3. überar­beit­ete Au­fl. Balin­gen: Spit­ta; S. 294-297
Smasal V, Zeil­berg­er K. (2005): Eissch­nel­l­lauf. In: Prax­iswis­sen Halte- und Be­we­gung­sor­gane (Hrsg. Grif­ka), Sportver­let­zun­gen – Sportschä­den (Hrsg. En­gel­hardt e. a.) Thieme Ver­lag, Stutt­gart
Smasal V (2006): Eissch­nel­l­laufShort Track. In: Sportver­let­zun­gen: Di­ag­nose, Ma­n­age­ment und Be­gleit­ma&be­ta;nah­men (Hrsg. M. En­gel­hardt) El­se­vi­er, Ur­ban und Fisch­er

Share and En­joy:
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • MisterWong
  • MySpace
  • Technorati
  • Live
  • Add to favorites
  • email
  • Print

Comments are closed.