Anni Friesinger: “Ich bin Perfektionistin”

Author: SSN 4 June 2006 No Commented
Under: News

Die Mann­schafts-Olympi­asiegerin und drei­fache Weltcupgewin­nerin 2006 (1000 m, 1500 m, Team) im Ge­spräch mit der Mal­lor­ca-Zei­tung / In­ter­view: San­dra Müller

An­ni Friesinger (29) ist eine der er­fol­greich­sten deutschen Eissch­nel­l­läuferin­nen. Ihr Lebens­ge­fährte ist der nied­er­ländische Eissch­nel­l­läufer Ids Post­ma. Auch ihre El­tern – ihr Vater starb, als sie 19 war – und ihre Gesch­wis­ter Jan und Agnes sind Eissch­nel­l­läufer. Ger­ade ver­brachte sie mit ihrem Brud­er und den Olympi­asiegern Gian­ni Romme und Bob de Jong einein­halb Wochen im Train­ings­lager in Can Pi­ca­fort an der Os­tküste Mal­lor­cas, um sich mit Ren­n­rad­fahren und Laufen auf die kom­mende Sai­son vorzu­bereit­en.

Es war eine sehr, sehr er­fol­greiche Sai­son. Gut, ich habe mir natür­lich eine Einzel-Goldme­daille gewün­scht. Aber ich habe zwei Me­daillen ge­holt, Gold mit der Mann­schaft und Bronze, aber ei­gentlich glänzt sie wie eine gol­d­ene. Ich darf mich nicht bek­la­gen, ich hätte auch ohne Me­daille nach Hause ge­hen kön­nen.

Hat sich Ihr Ver­hält­nis zu Clau­dia Pech­stein nach dem Team­gold verän­dert?

Es ist ents­pan­n­ter ge­wor­den, wir sind eben auch gereift. Da­mals (zurzeit des so ge­nan­n­ten “Zick­enkriegs”, Anm. d. Red.) ging es echt ans Einge­machte, und das hat mich eher gestresst. Aber das ist vor­bei. Vor vi­er Jahren wäre das ge­mein­same Gold un­denk­bar gewe­sen. Das Span­nende ist, dass wir, die als Einzelkämpferin­nen bekan­nt sind, uns zusam­menger­auft haben.

Wie ka­men Sie über­haupt zum Eissch­nel­l­lauf?

Meine El­tern haben sich darüber auch ken­nen­gel­ernt. Mit sieben Jahren habe ich ge­sagt, das finde ich schön­er als Sk­i­fahren. Mit den Er­fol­gen wuchs auch der Ehrgeiz, und nach dem Abi wollte ich das pro­fes­sionell machen. Ich habe so­gar mein In­ne­nar­chitek­tur-Studi­um aufgegeben, ich kon­nte nicht bei­des auf Top­niveau be­treiben.

Gibt es et­was, was Sie nach Ihr­er Kar­riere aus­bauen wollen?

Jaaa! Ich will auf kei­nen Fall Trainerin wer­den. Ich glaube, ich wäre sehr hart und hätte mit mei­nen Schüt­zlin­gen wahrschein­lich nicht genug Ge­duld. Ich würde sie im­mer mit mir ver­gleichen. Au&be­ta;er­dem bin ich gesättigt. Ich habe so früh mit Eissch­nel­l­lauf ange­fan­gen und habe auch so viel dafür gegeben, jet­zt muss et­was an­deres kom­men, et­was Krea­tives.

Sie haben ge­sagt, Men­schen müssen bei Ih­nen den “Au­gen­test” beste­hen. Was mei­nen Sie damit?

Die Au­gen sind der Spiegel der Seele. Wenn ich je­man­den nicht lei­den kann, kann ich ihm auch nicht in die Au­gen guck­en. Mein Fre­und zum Beispiel hat wun­der­bare, charis­ma­tische Au­gen.

Liebe auf den er­sten Blick?

Mir hat seine ganze Er­schei­n­ung ge­fall­en. Es gab Ons and Offs. Wir haben uns sehr jung ken­nen­gel­ernt, ich war 19 Jahre alt, das ist ja die Sturm- und Drang-Zeit. Aber wir kon­n­ten halt doch nicht ohne ei­nan­der.

Ein Grund für die Tren­nung zwischen­durch war ja auch, dass Sie sich zu wenig sa­hen. Ist das jet­zt an­ders?

Es ist im­mer noch sch­wierig, aber ich habe jet­zt das Geld, um zu ihm zu flie­gen. Er ist mein See­len­ver­wandter, und wir sind hap­py zusam­men. Er ver­ste­ht, we­shalb ich we­gen manch­er Kleinigkeit aus­flippe.

Zum Beispiel?

Wenn vom Ma­te­rial et­was nicht passt. Ich bin Per­fek­tion­istin, und wenn da ein kleines Schräubchen nicht funk­tioniert, kann ich wahnsin­nig wer­den. Ids hilft mir auch, meine Tech­nik zu verbessern, und mo­tiviert mich, wenn es ein­mal nicht so gut läuft. Aber er ist auch Land­wirt, wenn ich ihn be­suche, ist das ein bisschen wie Ur­laub, eine an­dere Welt. Da ist meine Alt­bau­woh­nung in Salzburg ein echter Ge­gen­pol.

Wie­so sind Sie nach Salzburg ge­zo­gen?

Ich habe in Inzell eine su­per­schöne Ju­gend ver­bracht, aber das ist ein 4000-Seelen-Dorf. Als ich bekan­n­ter wurde, kon­nte ich mich dort nicht mehr frei be­we­gen. Es war nicht mehr schön. Ich wollte nicht, dass der Ur­lau­ber mich gleich mit­bucht.

Was schätzen Men­schen an Ih­nen, die Sie gut ken­nen?

Ich denke, meine Spon­taneität und die Ehr­lichkeit. Wenn mir et­was nicht ge­fällt, sage ich das ziem­lich klar. Ich bin auch hilfs­bere­it. Wenn ein Fre­und ein Problem hat, kann der mich auch nachts um drei an­rufen. Und ich bin im­mer wied­er für ßber­raschun­gen gut.

Was ist Ihre grö&be­ta;te Stärke?

Mein Dick­kopf. Al­so Durch­hal­tev­er­mö­gen, Ziel­stre­bigkeit. Natür­lich ist das auch eine Sch­wäche.

Sie haben ja auch schon einige Schick­salssch­läge in Ihrem Leben verkraften müssen, gel­ten aber als sehr fröh­lich­er Men­sch. Hängt das zusam­men oder ist das ein Wider­spruch?

Ich will mich nicht run­terzie­hen lassen. Ich ver­suche, solche Si­t­u­a­tio­nen als Prü­fun­gen zu se­hen, die mich stark wer­den lassen. Du lernst Leute ken­nen und du lernst, auf Leute zu verzicht­en, du lernst aus Krisen mehr als aus Er­fol­gen.

In Ihrem Buch erk­lären Sie, dass Sport und Erotik für Sie unbe­d­ingt zusam­menge­hören. In­wie­fern?

Unsere Spor­tart ist sehr äs­thetisch, el­e­gant und hat auch ei­nen ero­tischen Touch. Die Anzüge sind sehr eng, man sie­ht wirk­lich alles. Auch unsere Jungs haben so ath­letische Kör­p­er, sie sind ein­fach schön anzuschauen. Die Mädels natür­lich auch.

Das In­ter­view er­schien im Mai in der Mal­lor­ca-Zei­tung
Leicht gekürzte Veröf­fentlichung auf desg.de mit fre­undlich­er Geneh­mi­gung der Au­torin San­dra Müller
Orig­inal­text

Fo­to: Lars Ha­gen – Alle Rechte beim Bil­dau­tor
Mehr Fo­tos von An­ni Friesinger
Sportler-Visitenkarte An­ni Friesinger
Home­page von An­ni Friesinger: http://www.an­ni-friesinger.de/

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